Bonbonfabrik Wildhagen
Bonbonfabrik Wildhagen
Historischer Abriss
Den Grundstein für das Wohnhaus, die Mühle und das Kesselhaus der späteren Bonbonfabrik Wildhagen in der Glauber- und Kanzler-Stürtzel-Straße legte der Krefelder Seidenfabrikant Heinrich Metzges (1821-1883), der am 16. April 1849 in Kitzingen Maria Emma Sander, ein Spross der bekannten Kitzinger Weinhändlerfamilie Sander, heiratete. Bereits 1853 und 1855 bat er den Stadtmagistrat um Genehmigung zur Errichtung einer Dampfmühle. Da jedoch die städtische Mühle am Main zu diesem Zeitpunkt noch existierte, wurden beide Gesuche abgelehnt. Die alte Mainmühle sollte allerdings wegen Behinderung der Schifffahrt abgerissen werden. Nachdem die Frage der Entschädigung zwischen der Stadt Kitzingen und dem bayerischen Fiskus geklärt war, hatte Metzges mit einem dritten Antrag vom 1. April 1857 auf Erteilung einer persönlichen Konzession schließlich Erfolg. Noch während Stadt und Fiskus prozessierten, fasste Metzges jedoch den Entschluss, seine Dampfmühle in Stadtnähe zu errichten und auf den Erwerb der Mainmühle zu verzichten.

Seine unternehmerischen Visionen gingen jedoch weiter. Noch während des Baus der Dampfmühle gestattete ihm der Kitzinger Magistrat am 22. März 1858 die Errichtung einer Sägemühle bei der Dampfmühle, deren Kessel noch im gleichen Jahr als zweiter in Kitzingen in Betrieb genommen wurde. 1864 errichtete er eine Brotfabrik, 1868 führte er die Gasbeleuchtung in seinen Betrieben ein, 1869 erbaute er sein Wohnhaus mit dem prägnanten, stufenartigem Giebel an der Ecke Glauberstraße/Kanzler-Stürtzel-Straße, 1875 folgte die Aufstellung eines zweiten Dampfkessels und schließlich 1877 die Errichtung einer Zementbrennerei.
Der ungewöhnlich unternehmungslustige Mann starb am 5. August 1883. Sein Name ist unmittelbar mit dem Beginn der Industrialisierung in Kitzingen verbunden. Nach seinem Tod ging der Betrieb an den Bankier Kommerzienrat Georg Bachmann über, den Schwiegervater von August Wildhagen.
Bachmann gründete zusammen mit August Wildhagen am 25. August 1884 die „Chocoladefabrik Wildhagen A. & Cie.“, die unter der Adresse Bahnhofstraße 848 (seit 1900 Bahnhofstraße 11) zu finden war. Diese Anschrift war identisch mit der des „Bank- und Wechselgeschäfts“ von Bachmann. Wildhagen übernahm zunächst für die Schweizer Bonbonfabrik Jacques Klaus in Locle den Generalvertrieb für Deutschland und Luxemburg und importierte die Schweizer Zuckerwaren aus der Fabrik des damals jungen Stammhauses, was bahnbrechend für die qualitative Verbesserung der deutschen Zuckerwaren war, da die Bonbons damals ohne Fruchtgeschmack oder Fruchtsäure waren.
Nach dem 1886 erfolgten Rückzug von Georg Bachmann aus der Firmenleitung trat Hermann Wildhagen an dessen Stelle, der bereits seit 1. August 1885 Teilhaber war. Die beiden Brüder riefen die „Confiseriewarenfabrik A. Wildhagen & Co.“ in der Dampfmühlstraße 816/818 (seit 1900 Wörthstraße 25, nach dem 1902 begonnenen Ausbau der Kanzler-Stürtzel-Straße: Kanzler-Stürtzel Straße 2/2a) als offene Handelsgesellschaft ins Leben und begannen im Herbst 1887 mit der eigenen Produktion von Bonbons unter den bekannten Rezepturen des Schweizers Jacques Klaus. Dafür errichteten sie in den Nebenräumen der Dampfmühle eine neue Fabrik. Zwei Jahre später übernahmen die Wildhagens auch den Betrieb der Dampfmühle selbst, die jetzt nicht mehr als Getreidemühle betrieben wurde, sondern zum Mahlen von Tonerde für die von ihnen 1905 gegründeten Pfirschinger Mineralwerke Verwendung fand. Das Besondere an der Produktion der Bonbons war damals der Vakuum-Kochbetrieb. Diese Technik erlaubte eine höhere Produktivität und feinere Produkte als die herkömmliche Fabrikation.

Harte Schicksalsschläge trafen das Unternehmen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren. So wurden die Pfirschinger Mineralwerke beim Bombenangriff auf Kitzingen am 23. Februar 1945 vollständig zerstört. An die 100 Bomben vernichteten die Gebäude und Anlagen der Mineralwerke nördlich der Nürnberger Eisenbahnbrücke, es entstand ein Sachschaden in Höhe von knapp einer Million Mark. Die Bonbonfabrik und das Wohnhaus wurden beim Einzug der Amerikaner besetzt, in dem Verwaltungsgebäude hatte der Kreisresident-Officer seinen Amtssitz, hier urteilte auch das amerikanische Militärgericht, und im größten Fabrikraum war die „Commissary“ für die amerikanische Besatzung untergebracht. Eine Doppeltreppe wurde an der Außenfront am Main errichtet und von früh bis spät in die Nacht wurden hier die Verpflegungsgüter der amerikanischen Armee abgeholt.
Erst nach schwierigen, jahrelangen Verhandlungen gelang es Wildhagen 1949, wesentliche Teile seiner Fabrik wieder frei zu bekommen. Ausschlaggebend war dabei, dass die Firma auf eigene Kosten an der Kanzler-Stürtzel-Straße gegenüber ihrem Fabrikgebäude eine große Baracke zur Entlastung des amerikanischen Warenlagers in der Fabrik errichtete. So konnte die Fabrikation am 1. Juli 1949 in kleinerem Umfang wieder aufgenommen werden.
Ein Teilbetrieb der Pfirschinger Mineralwerke konnte 1950 ebenfalls wieder mit der Produktion beginnen. Zu diesem Zeitpunkt führte Richard Wildhagen, der nach dem Tod seines Onkels und Firmengründers August Wildhagen 1932 als alleiniger Besitzer fungierte, die Amtsgeschäfte als ehrenamtlicher Oberbürgermeister Kitzingens und richtete seine ganze Energie und Leidenschaft auf den Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt. Sicherlich wurde so in den entscheidenden Nachkriegsjahren hinsichtlich des Neubeginns und der Produktionsaufnahme der Bonbonfabrik manches versäumt. Als dann 1953, also nach achtjähriger Beschlagnahme, der Betrieb wieder vollständig aufgenommen und modernisiert wurde, war es eigentlich schon zu spät. Die Firma hatte mittlerweile ihre in- und ausländische Kundschaft sowie ihre Geschäftspartner verloren und bewährte Arbeitskräfte standen auch nicht mehr zur Verfügung. Der Anschluss war endgültig verpasst.
Seit dem Jahr 1960 suchte und fand Wildhagen zwar Auswege, die über verschiedene auswärtige Firmen führten, aber die Lage insgesamt nicht mehr retten konnten. So verkaufte er 1960 das Geschäft an Horst Bentz, den damaligen Eigentümer der Melitta Unternehmensgruppe, aber bereits drei Jahre später wurde es weiterverkauft an die August Storck KG, bis Ende des Jahres 1969 die Produktion ganz eingestellt werden musste. Richard Wildhagen zog sich als Privatier zurück und sein Sohn Hasso übernahm in Saarbrücken die Stelle eines Direktors einer großen Süßwarenfirma. Die Pfirschinger Mineralwerke stellten 1971 ihren Betrieb ein.

Bis zur Geschäftsaufgabe genossen die Bonbons von Wildhagen einen ausgezeichneten Ruf, nicht nur in Europa, sondern auch in Übersee. In den großen Zeiten der Firma Wildhagen wurden die natürlichen Marmeladen für die Füllungen der Wildhagen-Bonbons täglich zentnerweise verarbeitet. Die Herstellungsmenge der Bonbons pro Tag betrug 4.250 Kilo. In originellen und modernen Geschenkpackungen gingen die sorgsam eingewickelten Bonbons, die Rednerpastillen oder die Lingua-Mentholbonbons in alle Welt. Wildhagens Säuerlinge waren in beiden Weltkriegen, vor allem im Zweiten Weltkrieg, als Vitamindrops an allen Fronten bekannt und standen damit auf gleicher Ebene mit den Bärenlebkuchen der Firma Gebr. Schmidt in Mainbernheim und dem Araunerschen Kunsthonig aus Kitzingen.

Die 1914 in der Mühlbergstraße 1 von August Wildhagen im neubarocken Stil erbaute schlossähnliche Villa Wildhagen mit ihrem fast 4.000 Quadratmeter großen Park und einem idyllischen Gartenteich mit Wasserfontäne, die seit den 1930er Jahren an die Stadt Kitzingen verkauft war, sollte 1973 einem Neubau für ein Altenheim mit Altenclub und Tiefgaragen weichen, für den das Evangelische Siedlungswerk verantwortlich zeichnen wollte. Auch der Kitzinger Stadtrat befürwortete diese Maßnahme, lediglich der Kulturkreis der Stadt Kitzingen sprach sich für den Erhalt dieses prächtigen Anwesens aus und forderte die zukünftigen Besitzer auf, das mit Stuckdecken ausgestattete Gebäude in die Gesamtanlage zu integrieren, da sich gerade ältere Menschen in so einem Umfeld wohler fühlen würden als in nüchtern-sachlichen Betonkästen. Zum Glück nahm das Evangelische Siedlungswerk bereits Ende 1973 von seinem Vorhaben Abstand, da es zum einen zu teuer war und zum anderen der Bedarf in Kitzingen an Pflegestellen für ältere Menschen als nicht so hoch angesehen wurde.
Die weitere Planung seitens der Stadt sah nunmehr den Ausbau der Villa vor, in dem Personalwohnungen und Pflegeeinrichtungen sowie ein Altenzentrum untergebracht werden sollten. Lediglich für die älteren Bewohner waren neue Anbauten vorgesehen. Am 11. November 1976 verkaufte die Stadt Kitzingen schließlich das gesamte Anwesen Mühlbergstraße 1 mit Park und Nebenanlagen an das Diakonische Werk Kitzingen e.V. zur Errichtung von Altenwohnungen für 800.000 DM. 1986 wurde das Alten- und Pflegeheim gründlich saniert und erhielt einen modernen Erweiterungsbau. Heute befindet sich in der schönen herrschaftlichen Villa und ihrem Anbau das Altenpflegeheim „Haus Mainblick“ der Diakonie.
Die übrigen Liegenschaften der ehemaligen Bonbonfabrik in der Glauberstraße gingen im April des Jahres 1973 an das Modehaus „Jakob Heyer“ über. Heyer betrieb in Dettelbach ein kaufhausähnliches Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf dem Textilmarkt, in dem er günstige Textilien und Sonderposten zu Schnäppchenpreisen verkaufte. Bis Weihnachten 1973 sollten eigentlich die Umbauarbeiten beendet und das Geschäft eröffnet sein, jedoch konnte Heyer seine Pläne in Kitzingen nicht verwirklichen. Der 34 Meter hohe Kamin der Fabrik wird dennoch am 10. April 1974 gesprengt. In den folgenden Jahren betrieb die Schilder- und Stempelfabrik „Astorga Fritz Lange GmbH“ hier ihr Geschäft, bis sowohl das Wohnhaus als auch Teile des ehemaligen Fabrikationsgebäudes der Firma Wildhagen (rund 1000 Quadratmeter) im Sommer 1984 vom damaligen Eigentümer Kurt Stellwag aus Würzburg der Stadt Kitzingen zum Kauf angeboten werden. Im Interesse einer Verbesserung der Verkehrsverhältnisse an der Einmündung Kanzler-Stürtzel-Straße/Glauberstraße nahm die Stadt Verkaufsverhandlungen auf, um den angebotenen Grundstückskomplex zum Abbruch käuflich zu erwerben. Am 30. Oktober 1984 fiel der Beschluss für den Kauf des ganzen Komplexes. Uneinigkeit herrschte jedoch noch bezüglich des Abrisses und der Notwenigkeit einer Begradigung der Glauberstraße an dieser Kreuzungsstelle.


Schließlich entschied sich der Kitzinger Stadtrat in seiner Sitzung vom 23. November 1989, das der Stadt gehörende Wohnhaus in der Kanzler-Stürtzel-Straße 2 zu sanieren und darin sechs Wohnungen einzurichten.
Auch in dem an das Wohnhaus angrenzenden Mühlengebäude sollten neue Wohnungen entstehen. Darüber hinaus beabsichtigte der Bauträger „Wohnbau Schenkel“ des ehemaligen Firmengeländes an der Glauberstraße, die Gebäude der alten Bonbonfabrik abzureißen und hier neue Wohnhäuser zu erbauen. In Jahren 1991/1992 entstand an dieser Stelle die Wohnanlage „Mainaue“.
Quellen:
- Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/02: Ordensdekorationen und Ehrenzeichen, 1871 – 1904.
- Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/22: Auszeichnungen, 1905 – 1914.
- Bürgerrechtsakten: Nr. 210: Wildhagen, Hermann Julius, 1893. Nr. 227: Wildhagen, August, Fabrikant, 1900. Nr. 308: Wildhagen, Richard, Kaufmann, 1914.
- Ratsprotokolle seit 1945
- Falkenstein, Stephanie: Die Wildhagenvilla. Ein Beitrag zur Wohn- und Lebenskultur der Gründerzeit in Kitzingen. Schriftenreihe des Städtischen Museums Kitzingen Band 11, Kitzingen 2016.
