Hermann Wildhagen
Hermann Wildhagen (1885 - 1944)
Der seit dem 1. August 1885 in der Bahnhofstraße 15 wohnende Kaufmann Hermann Wildhagen (geb. 15.7.1855 in Rübeland, Ortschaft der Stadt Oberharz am Brocken im Landkreis Harz, verheiratet mit Elise Kochermann, gest. am 1.11.1944 in Kitzingen) beantragte am 23. Oktober 1890 das Bürgerrecht der Stadt Kitzingen. Da sein Geburtsort im Herzogtum Braunschweig lag, wurde ihm dieses vorbehaltlich der vorherigen Erwerbung der bayerischen Staatsbürgerschaft am 7. November 1890 verliehen.
Wildhagen, Bruder des Bonbonfabrikanten August Wildhagen, war Mitglied der „Liberalen Vereinigung“ und wurde 1908 zum Gemeindebevollmächtigten gewählt, vom 22.12.1914 bis zur nächsten Kommunalwahl am 15. Juni 1919 gehörte er dem Stadtmagistrat Kitzingen an. Er unterstützte finanziell den Wohltätigkeitsverein, setzte sich stark für die Wiederherstellung einer Motorwagen-Verbindung zwischen Kitzingen und Marktbreit sowie für die Gründung einer Volksbibliothek (1905) ein. Als erster Schützenmeister organisierte er die 500-Jahrfeier der Kgl.-Priv. Schützengesellschaft im Jahr 1908.
Zudem war er seit 1903 Vorstandsmitglied der „Vereinigung Deutscher Zuckerwaren- und Schokolade-Fabrikanten e.V.“ und seit 1911 deren 1. Vorsitzender, 1922 wurde er zum Ehrenmitglied ernannt. Wildhagen führte den Verband und seine beiden Betriebe erfolgreich durch zahlreiche Krisenjahre, durch den Weltkrieg, die Zwangswirtschaft und Inflation. In dieser Zeit haben sich seine Führungsstärke und sein Weitblick ganz besonders bewährt.

Wildhagen war zudem Mitbegründer und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Einkaufsgenossenschaft für die Süßwaren-Industrie (Egesie), in der sein schon vor dem Krieg praktizierter Gedanke des gemeinsamen Einkaufes auf breiter Basis seine Verwirklichung fand und zu einer für alle gewinnbringenden Einrichtung wurde. Besondere Verdienste hat er sich ferner um die Gründung des Reichsbundes der Deutschen Süßwaren-Industrie, der Dachorganisation des Verbandes deutscher Schokoladen-Fabrikanten und der Vereinigung Deutscher Zuckerwaren- und Schokolade-Fabrikanten in Würzburg erworben.
Ebenso wie seinem jüngeren Bruder August wurde Hermann Wildhagen im Jahr 1912 der Titel Kommerzienrat verliehen.
Als Begründung schrieb der damalige Bürgermeister Ludwig Graff folgendes:
„Herr Hermann Wildhagen betreibt mit seinem Bruder August Wildhagen dahier eine Confisseriewarenfabrik, welche seit Jahren in vollster Blüte steht und für die hiesige Bevölkerung von großem Segen ist. Es werden in dieser Fabrik außer eigentlichen Confisseriewaren auch Mentholpastillen gefertigt. Diese Fabrikation verpflanzten die Inhaber von der Schweiz nach Bayern. Außerdem haben die Inhaber des Geschäfts dahier eine vollständig neue Fabrikation durch die Erbauung der sogenannten Pfirschinger Mineralwerke errichtet. Durch diese Werke gewinnt die Firma in Niederbayern in der Gemeinde Pfirsching, Bezirksamt Eggenfelden, Erde, welche in der hiesigen Fabrik chemisch verarbeitet wird und zur Reinigung von Ölen und anderen Zwecken dient. Diese Produkte finden hauptsächlich im Auslande großen Absatz.
In gemeinnütziger Weise hat Herr Hermann Wildhagen sich gleichfalls schon in hervorragender Weise betätigt. So stiftete er im vergangenen Jahre für ein Volksbad 10.000 Mark, im heurigen Jahre zum gleichen Zweck weitere 5.000 Mark. Mit seinem Bruder zusammen insgesamt die Summe von 27.000 Mark.
Hermann Wildhagen gehört dem hiesigen Gemeindebevollmächtigtenkollegium an und entfaltet als Gemeindebevollmächtigter eine auf das Gemeinwohl stets bedachte Tätigkeit, die sich vor allem durch Weitblick und Objektivität auszeichnet. Herr Hermann Wildhagen ist durch die Unterstützung sonstiger gemeinnütziger Zwecke, so der Volksbücherei, des Verschönerungsvereins und des Pferdeversicherungsvereins, dessen Vorstand er lange Jahre ist, mit der Bevölkerung verwachsen und allgemein beliebt.
Es dürfte somit die Bitte gerechtfertigt erscheinen, an Allerhöchster Stelle Herrn Hermann Wildhagen zur Auszeichnung in Vorschlag zu bringen.
Derselbe hat stets eine loyale Gesinnung an den Tag gelegt und ist königs- und reichstreu.
Im vergangenen Jahr wurde dem Bruder des Hermann Wildhagen gleichfalls die allerhöchste Auszeichnung eines kgl. Kommerzienrates zu Teil. Es wäre nun eine von Seiner Königlichen Hoheit Prinz-Regent-Luitpold sicherlich nicht gewünschte Härte, wenn Hermann Wildhagen, der gleich tüchtig, rechtschaffen und unermüdlich fleißig wie sein Bruder ist nicht derselben Allerhöchsten Auszeichnung teilhaftig würde. Seitens der gesamten hiesigen Bevölkerung würde die angeregte Allerhöchste Auszeichnung dieses beliebten Bürgers mit Freude begrüßt werden.“
Quellen:
- Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/02: Ordensdekorationen und Ehrenzeichen, 1871 – 1904.
- Akt des Stadtmagistrats Kitzingen: I/A/8/22: Auszeichnungen, 1905 – 1914.
- Bürgerrechtsakten: Nr. 210: Wildhagen, Hermann Julius, 1893. Nr. 227: Wildhagen, August, Fabrikant, 1900. Nr. 308: Wildhagen, Richard, Kaufmann, 1914.
- Ratsprotokolle seit 1945
- Falkenstein, Stephanie: Die Wildhagenvilla. Ein Beitrag zur Wohn- und Lebenskultur der Gründerzeit in Kitzingen. Schriftenreihe des Städtischen Museums Kitzingen Band 11, Kitzingen 2016.
